TMVO REIMANN Bildhauer/Designer
Kunst + Design

Wohlfühlfaktor Wohnumfeld / TMVO Reimann /
Arbeiten für die Wohnungswirtschaft


Der urbane Raum erfährt in der Gegenwart eine gewaltige
Veränderung in seiner sozialen und ästhetischen Gestaltung.
Ästhetik und Architektur öffentlicher Räume bewirken auch
zunehmend eine soziale Spaltung. Wohngebiete grenzen
sich voneinander ab. Andererseits werden die Zentren der
Städte Aktionsbühnen für eine Kunst, die diesen Prozess
reflektiert, die provoziert und als Störfeld auftritt.
Gleichzeitig entstehen immer stärker überwachte und
kontrollierte Räume, die im Gegensatz stehen zum
Individualisierungsprozess
unserer Gesellschaft.
Der Ort, an dem die Menschen wohnen, wird also immer
bedeutender für ihr Befinden, für ihre Erholung, für ihre
Gesundheit, eingeschlossen das Alter, da die familiäre
Zuwendung schon lange nicht mehr traditionell möglich
ist.
Aber diese konträre Entwicklung findet statt in einem
historisch gewachsenem Raum, in dem traditionelle Sehgewohnheiten
und Erwartungen eine große Rolle spielen.
Deshalb begleitet fast jedes moderne Kunstwerk im
öffentlichen Raum eine kontroverse, oft unangemessen
heftige Diskussion einschließlich mutwilliger Beschädigung.
Reimann lässt sich ganz und gar auf diese Gratwanderung
der Kunst im öffentlichen Raum ein. Durch seine langjährige
Arbeit auf diesem Gebiet entwickelte er ein besonderes
Gespür für Material und Raum.
Raum bedeutet ihm immer auch seelischen Ort. Und
Mensch bedeutet ihm immer auch soziales Wesen.
Und das Imaginäre, die Schizophrenie unserer Zeit, das
Unberechenbare der Auftragssituation stacheln seine
Phantasie eher an als dass sie ihn behindern. Der
schöpferische Prozess findet auch vor Ort statt, auch im
Spannungsfeld der technischen Umsetzung auch mit den
Menschen – das heißt mit den Machern und Nutzern.
1953 geboren, blickt er auf fast 40 Jahre künstlerische
Arbeit zurück.

Seine Skulpturen und Grafiken,
sein Design und seine Objekte und Ensembles im
Freiraum und viele ungewöhnliche Aktivitäten zeigen einen
Menschen, dessen kreative Leidenschaft sich steigert, je
größer die Herausforderung des künstlerischen Anliegens
ist.
Dafür hat er inzwischen auch ein unglaublich großes
Repertoire an Material und Techniken ausprobiert und
entwickelt. Zum Beispiel verwendet er kühn die wissenschaftlichen
Ergebnisse in der textilen Materialforschung
für seine Glas-Monotypien.

Ansonsten arbeitet er in Naturstein, Silber, Bronze,
Edelstahl, Glas, Stein-Glas Kombination, Messing, Zink.

Und auch da entstehen immer neue Kombinationen. Am Beispiel der Gestaltungen in Hoyerswerda ist nachvollziehbar,
wie er sich auf eine Stadt und ihre Bewohner, ihre
kulturpolitische Situation und regionale Besonderheiten
einlässt. Brigitte Reimann ein „Denkmal“ zu setzen,
scheint unmöglich, ich meine sie aufschreien zu hören. Und
der Raum ist wahrlich nicht ideal in seinen Dimensionen.
Aber beide eint eine kraftvolle Sturheit, wenn sie von
etwas überzeugt sind. Und so entsteht schließlich eine
metaphorische liegende Gestalt, in der sich in Form und
Material (Klinker, Stahl, Wasser und Schrift) so zueinander
fügen, dass ein erstaunlich diffiziles, vieldeutiges Ensemble
entsteht; sinnlich, provokant, kraftvoll in seiner
Klinkerstruktur, feinsinnig mit der Schrift unter der
Wasseroberfläche.

Auch seine anderen Skulpturen und Ensembles in der
Stadt zeugen vom Einfühlungsvermögen in die Seele
dieser ungewöhnlichen Stadt, in ihre Geschichte und ihre
Verletzungen. Vom geplanten „Paradies“ inmitten eines
Wald- und Seengebietes ist nicht viel geblieben, Brigitte
Reimann ahnte es.
Wenn wir heute die Stahlplattenskulptur vor der Waldsilhouette
sehen, spüren wir nicht nur Verlust, es kommt auch
etwas Kraftvolles herüber, eine Schönheit, ein Vermächtnis.
Interaktive Skulpturengruppe aus Edelstahl PARADIESDOMINO
Das „Konrad-Zuse-Haus“ fügt sich in dieses Konzept.
Geschichtsbewusstsein entsteht auch über künstlerische
Angebote. Sein Gesamtkonzept Hoyerswerda ist in seiner
ästhetischen, künstlerischen und sozialpolitischen Haltung
beeindruckend und es hat sich auch gezeigt, dass er großen
Anteil hat, dass die Kunst kreativ angenommen wird.
Die oben geschilderte Entwicklung im Wohnungsbau wird
Künstler brauchen, die neue Wege beschreiten. Es werden
neben traditionellen Kunstwerken auch Räume entstehen,
die der Verarmung der Sinne, der Einsamkeit, der steten
Hektik des Alltages etwas entgegensetzen und die
gleichzeitig mediale Gewohnheiten berücksichtigen.
Reimann ist für diese Zeit, für diese Orte wie geschaffen.
Ich kann es nicht besser ausdrücken als Igor A. Jenzen,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, (2006):

"Wenn er zeichnet, fotografiert, formt und gießt, dann tut
er das, weil ihm danach ist, weil er das auch wissen will,
nicht weil er es zeigen möchte. So ist er. Und schließlich:
Wenn er neben all diesen vielfältigen eigenen Schöpfungen
auch noch die seiner Freunde und Kollegen in mitunter viel
beachteten Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert
oder Fachkongresse organisiert, dann zeigt sich, dass er
obendrein ein kommunikativer Netzwerker, ein offener
Kollege und ein loyaler Freund ist – ein Künstler, der sich
nicht als Star, sondern immer als Teil des Ganzen versteht..."

Sich als Teil des Ganzen verstehen, darauf fußt die
Ausstrahlung seiner Arbeit.
Das fordert Zeit und In-sich-gehen, noch ehe die eigentliche
Tätigkeit beginnt, aber es wird belohnt durch die Resonanz
der Nutzer und Betrachter.

Regina Niemann – Kunstkritikerin

Dr. I.J.2017